Geteilter Himmel – geteiltes Land? Deutsche Autoren und die Mauer
Nachbericht
Vom 27. bis 29. Mai 2011 veranstaltete die Deutsche Gesellschaft e. V. in Zusammenarbeit mit dem Autorenkreis der Bundesrepublik und der Konrad-Adenauer-Stiftung eine Literaturtagung, die den Einfluss der Mauer auf die deutsche Literatur und die persönliche Situation der Schriftsteller zum Thema hatte. Gefördert wurde die Veranstaltung vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien und der Bundeszentrale für politische Bildung.
Zur Auftaktveranstaltung am Freitagabend wurden die ca. 100 Gäste von Dr. Andreas H. Apelt, Bevollmächtigter des Vorstandes der Deutschen Gesellschaft e.V., Dr. Jörg Sader, Vorsitzender des Autorenkreises der Bundesrepublik, und Christian Schleicher, stellvertretender Akademieleiter der Konrad-Adenauer-Stiftung, begrüßt.
Doris Liebermann führte ins Thema des Abends ein: Sie legte überzeugend dar, dass die sogenannte "Mauer-Literatur" vor allem aus der Feder von DDR-Schriftstellern stammt. Bei Westautoren ist die Thematik kaum vertreten. Auch stellte sie einige zentrale Autoren und Werke vor, wie z. B. Wolf Biermann, Peter Schneiders „Der Mauerspringer“ und Christa Wolfs Roman „Geteilter Himmel“, der auch Namenspate für die Tagung war.
Danach galt der Abend der vermeintlichen „unsichtbaren Narbe“, die die Mauer sowohl in der Literatur, als auch in den Biografien vieler Schriftsteller hinterlassen hat. Dies wurde auch in den Lesungen der Autoren Ulrich Schacht und Martin Ahrends deutlich - beide verließen in den 80er- bzw. 90er-Jahren die DDR. Im anschließenden Gespräch sprach Ulrich Schacht seine Enttäuschung über die westdeutschen Intellektuellen aus, die nicht gegen den Mauerbau angeschrieben haben - ein „intellektuellen Verrat“ . Außerdem wurde festgestellt, dass es wenige Darstellungen zu „unsichtbaren“ Grenzabschnitten wie den Priwall an der Ostsee gibt, ebenso wie zu Menschen, die beim Versuch, die DDR zu verlassen, getötet worden sind.
Der Samstagvormittag galt der Frage, ob und wie unterschiedlich der Mauerbau in West und Ost rezipiert worden ist. Helga Schubert zeigte in ihrem autobiografischen Text mögliche Durchlässigkeiten der Mauer auf: Der Zugang zu West-Berlin wurde beispielweise Schriftstellern oder Diplomaten als „privilegierte Personen“ gewährt. Rolf Hochhuth versuchte hingegen Ursachen für den Bau der Mauer zu ergründen und wies in diesem Zusammenhang auf Parallelen in der Aufarbeitung der NS- und DDR-Diktatur hin.
Im anschließenden Themenblock „Leben mit der Mauer“ legten die Autoren Gregor Sander, Joachim Walther und der Referent Siegfried Reiprich in Lesung und Gespräch die damals schwierige Situation von in-der-DDR-Verbliebenen dar. Joachim Walther hob hervor, dass dem Schriftsteller ein „relativer Freiheitsraum“ zur Verfügung stand. Über die Frage, wie lange das Thema der Mauer die Menschen in Deutschland künftig noch beschäftigen würde, wurde abschließend lebhaft debattiert. Während Gregor Sander der Ansicht war, dass das Thema nur noch kurzfristig eine große Bedeutung haben würde, war der Großteil der übrigen Autoren und Gäste davon überzeugt, dass man sich auch längerfristig mit der deutschen Teilung beschäftigen würde.
Der Nachmittag war dem „Seitenwechsel“ von Schrifstellern gewidmet, die in die BRD übersiedelten. Zunächst wurden die Schriftsteller Jürgen Fuchs (durch Udo Scheer) und Roger Loewig (durch Felice Fey) vorgestellt und ihre Situation vor und nach der Ausreise näher betrachtet. Dabei kam u. a. zur Sprache, dass viele DDR-Intellektuelle angesichts der westdeutschen Realität einen Illusionsverlust erlitten haben.
In einem zweiten Teil, von Dr. Peter Geist moderiert, las und berichtete Kurt Drawert von seinen Erfahrungen der Ausbürgerung. Hans Bergel brachte, durch die Geschichte seiner Ausreise aus dem kommunistischen Rumänien eine europäische Dimension mit in die Diskussion. Kurt Drawert, der sich selbst als „doppeldeutschen Patrioten“ und „Deutschen beider Staaten“ bezeichnet, betonte die Sonderstellung der aus der DDR ausgewanderten Schriftsteller, da sie die Perspektive beider deutschen Systeme kennengelernt haben.
Am dritten Tag der Tagung lasen Michael G. Fritz und Thomas Brussig am Sonntagvormittag aus ihren Romanen, die die „unsichtbare Mauer“ auch in der heutigen Gesellschaft und die persönliche Verarbeitung der DDR-Vergangenheit darstellten. Im Gespräch ging es dementsprechend um die Frage, welche Bedingungen für eine innere Einheit der deutschen Gesellschaft vorherrschen müssen.
In der Abschlussdiskussion mit Grit Poppe, Dr. Uwe Lehmann-Brauns, Dr. Andreas Apelt und Dr. Jörg Sader wurde – daran anknüpfend – auch auf die Bedeutung der persönlichen und gesellschaftlichen Aufarbeitung in der Literatur aufmerksam gemacht, das mutmaßliche Desinteresse der jüngeren Generation beklagt und darauf hingewiesen, dass man sich womöglich erst mit einem gewissen zeitlichen Abstand das Phänomen "Mauer und DDR" gänzlich wird erschließen können.
Das Thema der Tagung hat vor allem bei Zeitzeugen großen Anklang gefunden. Das Publikum beteiligte sich während des gesamten Wochenendes rege an den unterschiedlichen Diskussionen und Gesprächen.
Infos zum Projekt hier.





